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Das Altheimer Hungertuch

Der 1977 verstorbene Restaurator Hans-Peter Kneer aus Munderkingen fand im Sommer 1960 anläßlich der Restaurierung der Altheimer Pfarrkirche hinter dem Gemälde des Hochaltars ein Stück alte Leinwand mit spätgotischer Malerei. 

Hungertuch
Hungertuch Bildfeld Nr. VII

Die Leinwand war offenbar als Schutz gegen die Feuchtigkeit der Wand hinter der Rückseite des Spieglerschen Altargemäldes befestigt worden. Als man die Bilder der Seitenaltäre herausnahm, ergab sich der gleiche Befund. So erhielt man drei Stücke einer einst gewaltsam zerteilten Leinwand, die sich aneinanderlegen ließen. Trotz des beklagenswerten Zustandes und der starken Verschmutzung ließ sich ein bildlicher Zusammenhang erkennen:

Zehn Bildfelder ordnen sich zu zwei übereinanderliegenden Reihen von je fünf Feldern:

I Adam unter dem Baum des Lebens
II Eva reicht den Apfel
III Vertreibung aus dem Paradies
IV Adam gräbt und Eva spinnt
V Verkündigung an Maria
VI Anbetung des Kindes durch Maria und Josef
VII Beschneidung
VIII Anbetung durch die hl. drei Könige
IX Kindermord
X Flucht nach Ägypten

Die Farben sind stark eingezogen; sie erinnern an die matte, verschleierte Farbigkeit aufgedeckter Wandmalereien. An einigen Stellen ist die Leinwand mit einem Fett durchtränkt. Diese Stellen erscheinen dunkler als die übrige Malerei, die ursprüngliche Sattheit und Leuchtkraft der Farben ist an diesen Stellen am ehesten zu erahnen. Kunstsachverständige vermuten, dass es sich bei dem Fund nur um ein Drittel eines Hungertuches handelt, also um ein sogenanntes Fragment. Das ganze Tuch würde demzufolge aus sechs Reihen zu je fünf Bildern bestanden haben. Die ursprüngliche Größe des Tuches wird auf 6,20 m x 8,50 m geschätzt. Ein Hungertuch oder Fastenvelum, auch Palmtuch genannt, ist ein Vorhang, welcher während der Fasten-und Passionszeit vor dem Altar angebracht wurde. Der liturgische Zweck dieser Verhüllung des Altars und der heiligen Messhandlung war, dem Bußcharakter der Fastenzeit Ausdruck zu verleihen, die Gläubigen an die Sündhaftigkeit der Menschen zu mahnen und zu bußfertiger Besinnung anzuhalten. In Deutschland war der Brauch, den Altar während der Fastenzeit den Blicken der Gläubigen zu entziehen, gegen Ende des 15. Jahrhunderts weit verbreitet. Veränderte liturgische Auffassungen brachten dann den Gebrauch der Hungertücher seit dem Ausgang des Mittelalters wieder zum Verschwinden. Der Maler des Altheimer Hungertuches ist nicht bekannt - Kunstexperten suchen ihn im "Ulmer Kreis". Er lebte vermutlich um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert.

Das Hungertuch entstand schätzungsweise kurz nach 1500. Es wird als wichtiges Zeugnis schwäbischer Malerei angesehen.
Das Altheimer Hungertuch hing früher während der Fastenzeit vor dem Hochaltar im Chorraum unserer Kirche. In der heutigen, 1744 umgestalteten und barockisierten Pfarrkirche kann man sich das spätgotische Tuch kaum mehr vorstellen, ohne einen empfindlichen Stilbruch zu begehen. Deshalb musste für dieses Kunstwerk auch eigens ein Raum geschaffen werden. Die Pfarrscheuer bot sich für den Ausbau eines Ausstellungsraumes geradezu an.
Das Fragment des Altheimer Hungertuches wurde von Hans-Peter Kneer, der es bei der Kirchenrenovierung fand, in den Werkstätten des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in München restauriert. Der Restaurator verstand es in hervorragender Weise, die vorhandene Substanz der wertvollen Malerei zu erhalten. Die einzelnen Teile des Tuches wurden auf eine Leinenbahn geklebt. Auf jegliche Retusche wurde verzichtet.

Lediglich die teilweise unterbrochenen, gemalten Rahmenleisten der Bildfelder wurden farbig ergänzt. Das spätgotische Hungertuch ist uns so unverändert erhalten geblieben. Obwohl nur fünf der zehn Bildfelder auch nach der Restaurierung die bildlichen Darstellungen ohne Schwierigkeiten erkennen lassen, die Farben verblasst und teilweise abgeblättert sind, stellt das Fragment des Altheimer Hungertuches eine Kostbarkeit von hohem kunstgeschichtlichen Rang dar, denn gotische Malereien auf Leinwand sind in unserer Zeit nur noch sehr vereinzelt vorhanden.

Besichtigungen sind nach Vereinbarung möglich.

Pfarrbüro Altheim
Sabine Locher-Lehr
Pfarrgasse 1, 88499 Altheim
Tel.: 07371/8474
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